Was geschah in der Nacht des 31. August 1983?
007 antwortet nicht
Eigentlich wird am symbolträchtigen 1. September eines jeden Jahres, zumindest in Deutschland, der Weltfriedenstag (Antikriegstag) begangen. Aber während der ersten Stunden jenes Tages im Jahre 1983 trug sich fernab von Europa, am Rande des Pazifiks, ein Ereignis zu, das mit Weltfrieden wenig - mit dem Gegenteil allerdings viel zu tun hatte.

Verhängnis über den Wolken
Ein südkoreanisches Passagierflugzeug befand sich unter der Flugnummer KAL007 auf dem Weg von New York nach Seoul, verließ nach einem Tank-Zwischenstopp in Anchorage jedoch den vorgegebenen Korridor und drang in sensiblen sowjetischen Luftraum ein. Dabei überflog es strategische Militärinstallationen und Sperrgebiete auf Kamtschatka, das Ochotskische Meer und die Insel Sachalin, wurde von Abfangjägern der Sowjetarmee gestellt und angeblich über dem Ozean nahe der kleinen, unbewohnten Insel Moneron abgeschossen. Alle 240 Fluggäste und die Besatzung der Boeing 747 verloren dabei ihr Leben. Die Vereinigten Staaten reagierten Tags darauf mit einer Propagandaoffensive, Präsident Reagan sprach empört von einem barbarischen Akt und einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auf diese Weise gegen ein harmloses Zivilflugzeug vorzugehen.
Doch in den Medien des sozialistischen Lagers hörte sich das Ganze schon etwas anders an. Verschwiegen werden konnte der Vorfall natürlich nicht. Entsprechend der von Moskau verlautbarten Darstellung handelte es sich beim Flug KAL007 um eine Spionagemission, was ein versehentliches Abweichen vom Kurs unwahrscheinlich machte. Verschiedene Indizien erhärteten diese Version und untermauert wurde sie außerdem durch Hinweise auf das gleichzeitige Eindringen einer amerikanischen Aufklärungsmaschine vom Typ RC-135 in den betreffenden Luftraum.
Dass die erhebliche Abweichung vom geplanten Kurs von den erfahrenen Piloten der Maschine mit der bondesken Flugnummer so lange unbemerkt geblieben sein sollte, die redundante Navigationsausrüstung des modernen Großraumflugzeugs versagt haben und den überwachenden Bodenstationen keinerlei Warnung möglich gewesen sein sollte, nährte bald Zweifel an der westlichen Interpretation des Zwischenfalls. Die vermeintlich zivile Boeing 747 reagierte zudem auf keinerlei Kommunikationsversuche seitens der Abfangjäger. Weder Funksprüche, noch auffällige Flugmanöver oder Warnschüsse mit Leuchtspurmunition führten zum Erfolg. Stur zog der Jumbo seine nicht autorisierte Bahn durch die Nacht.
Jahre später führten Aussagen und Informationen, die ein paar interessante Details offenbarten, übrigens sogar zu einer kleinen Anfrage im Deutschen Bundestag. Darin wird deutlich, wie mit manipulativen Mitteln, z. B. selektiver Veröffentlichung von Dokumenten, seinerzeit die internationale Öffentlichkeit propagandistisch beeinflusst werden sollte.
Handelte es sich also nur um einen zufälligen, durch tragische Umstände herbeigeführten Zwischenfall und den Beweis sowjetischer Militanz und Aggressivität, wie es der Westen behauptete oder verbarg sich hinter dem Unglücksflug doch eine ganz andere Bedeutung?
Kalte Krieger und eisige Zeiten
Um die Ereignisse besser einordnen und verstehen zu können, vor welchem historischen Hintergrund sie geschahen, ist es hilfreich, die weltpolitische Lage jener Zeit in Erinnerung zu rufen.
Während der 80ger Jahre zeichnete sich der Showdown der beiden konkurrierenden Blöcke ab, deren Existenz die Welt mehr als vierzig Jahre in ein bipolares Machtsystem verwandelt hatte. Wie diese finale Auseinandersetzung enden würde, war damals für die meisten nicht vorherzusehen. Als das Jahrzehnt vorüber war, konnten wir jedoch aufatmen - die nukleare Katastrophe, unter deren apokalyptischem Damoklesschwert am seidenen Faden wir so lange leben mussten, blieb aus, und der eine der beiden globalen Kontrahenten verschwand wenig später recht geräuschlos auf dem Schrottplatz der Geschichte. (Doch sollte man sich an dieser Stelle nicht zu früh freuen: Wie hoch der Preis für die neue - nunmehr unipolare - Weltordnung sein wird, den wir zu entrichten haben, das wird sich in voller Gewissheit erst noch erweisen müssen. Mit Blick auf die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts wäre ich jedenfalls nicht besonders zuversichtlich.)
Doch zurück zu jenem Jahrzehnt, als die Rüstungsspirale auf beiden Seiten ihr höchstes Niveau erreichte und düstere Wolken am Himmel aufzogen: 1979 hatte die NATO mit ihrem Doppelbeschluss die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa angekündigt und damit das Bedrohungsszenario gegen Moskau erheblich verschärft, da sich die Vorwarnzeiten drastisch verkürzten. Im gleichen Jahr waren sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschiert und so - nach den Worten des damaligen US-Sicherheitsberaters Brzezinski - in eine Falle gegangen, die der UdSSR ihren Vietnam-Krieg, d.h. einen zermürbenden, nicht zu gewinnenden Konflikt bescheren sollte.
Zu diesem Zweck finanzierte und unterstützte die US-Regierung unter Jimmy Carter schon vor dem Einmarsch der Sowjetarmee am Hindukusch oppositionelle fundamentalistisch-islamistische Kräfte, die so genannten Mudjaheddin, um die östliche Großmacht zu einer aggressiven Reaktion an ihrer südlichen Grenze zu provozieren. Der russische Bär war dumm genug, dies zu tun. (Heute besetzen die damals als Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus von Washington protegierten und bewaffneten Gotteskrieger die Rolle globaler Terroristen und helfen dadurch, die bellizistische Außen- und Sicherheitspolitik des Westens zu rechtfertigen.)
Im Jahre 1981 trat Ronald Reagan, die Galionsfigur aller Neocons, seine Präsidentschaft an und ging zum Angriff über. Er verschärfte den Ton in Richtung Ostblock, nannte die Sowjetunion ein “Reich des Bösen”, warb für das Star-Wars-Programm SDI und wollte im Rahmen der nach ihm benannten Doktrin einen neuen, weltweiten “Kreuzzug für die Freiheit” beginnen.
In diesem Zusammenhang finanzierte seine Administration wahrscheinlich durch CIA-Gelder und über den Vatikan die polnische Oppositionsbewegung, um das sozialistische Lager auch von innen aufzuweichen. Seine Rhetorik gipfelte in der während einer Mikrofonprobe scherzhaft gemeinten Ansage, in fünf Minuten beginne die Bombardierung Russlands. Sein Außenminister, General Alexander Haig, sekundierte, es gebe wichtigere Dinge als den Frieden. Nach einer zweiten Amtszeit sollte der “Führer der freien Welt” seine Ziele im Wesentlichen tatsächlich erreicht haben. Zum Dank dafür benannte die US-Navy einen Flugzeugträger nach ihm.
Wachsende Nervosität
In einer solchen Atmosphäre kann es nicht weiter verwundern, dass die Nerven auf der Gegenseite ausgesprochen angespannt sein mussten. Die Situation spitzte sich zu, denn in der Tat rechnete man im Warschauer Pakt Anfang der achtziger Jahre ganz konkret mit einem unmittelbar bevorstehenden atomaren Erstschlag der NATO. Welchem Zweck sollten wohl sonst die neuen Raketen, nur wenige Flugminuten vom Herzen der UdSSR entfernt, dienen?
Die Sicherheitsdienste des Ostblocks erhielten aus Moskau die besondere Weisung, ihre Agenten im Westen nach akuten Anzeichen von Angriffsvorbereitungen Ausschau halten zu lassen. Wie durch verschiedene Quellen verlautbart, wurden im Rahmen des speziell zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Projekts RJAN/RYAN alle Bemühungen gebündelt, Merkmale für einen nuklearen Countdown rechtzeitig zu erkennen und sofort nach Moskau weiterzumelden. Ein Missverständnis zu viel, z. B. während der NATO-Übung Able Archer, hätte dramatische Folgen haben können.
Fernsehkonsumenten glauben heute wahrscheinlich, nachdem es auf allen Kanälen wiederholt wurde, dass die Kubakrise 1962 der kritischste Moment der Nachkriegsgeschichte war. Vielleicht trifft dies auch zu. Aber M. S. Gorbatschow sprach auf dem 27. Parteitag der KPdSU (1986) davon, dass die Weltlage in den letzten Jahrzehnten vielleicht niemals so gefährlich gewesen sei wie Anfang der achtziger Jahre.
Und dass die US-Pazifikflotte während eines Großmanövers die Jets ihrer Trägerverbände entlang der sowjetischen Grenze über dem Ochotskischen Meer und den Kurilen patrouillieren ließ, trug in den Tagen vor den hier geschilderten Ereignissen nahe Sachalin nicht unbedingt zur Entspannung bei.
Unter all diesen Umständen musste das nicht genehmigte Eindringen von Flugzeugen in gesperrten sowjetischen Luftraum hochgradig alarmierend wirken, denn es konnte sich dabei in der Logik des Militärs nur um die Vorbereitung eines Luftangriffs handeln. Eine solche Aufklärungsmaßnahme hätte den Zweck, durch Provokation ein Aktivieren des gegnerischen Luftabwehrradarsystems zu veranlassen, um dessen Verteilung, Frequenzen, Reaktionszeit etc. mit elektronischen Mitteln zu erfassen. Informationen, die mit Spionagesatelliten allein nicht zu beschaffen, jedoch für Fliegerkräfte unmittelbar vor einem Angriff lebenswichtig wären. Die sowjetische Luftabwehr sah sich also gezwungen zu handeln.
Die Beschreibung der seinerzeitigen Lage wird auch in diesem lesenwerten Artikel - mit einigen frappierenden Details angereichert - illustriert.
Passagierflug oder Spionagemission - Abseits der Propaganda
Natürlich gab es mehrere amtliche Untersuchungen und Auswertungen des Abschusses von KAL007, z. B. durch die ICAO (International Civil Aviation Organization). In Zeitungen, Journalen und Büchern ist viel geschrieben worden, sogar ein Spielfilm wurde produziert. Das meiste davon dürfte den oben geschilderten Hergang reflektieren. Doch bei der Suche nach Material, das sich kritisch mit der Mainstreamverarbeitung (aber dennoch nüchtern und seriös) des Themas annimmt, bin ich auf ein Werk gestoßen, das detailliert den Vorgängen nachspürt und zu gleichermaßen verblüffenden wie erschütternden Feststellungen kommt, die deutlich über das allgemein Bekannte hinausgehen.
Es handelt sich um das Buch Incident at Sakhalin des französischen Autors Michel Brun, das sehr sachlich geschrieben ist und auf jede spekulative Dramatisierung verzichtet. Brun orientiert sich ausschließlich an Fakten, belegbaren Quellen und vor allem an den Ergebnissen seiner eigenen Untersuchungen. Und diese dürften ausgesprochen profund sein, schließlich handelt es sich bei dem Autor um einen erwiesenen Fachmann, der in aufwändigen Ermittlungen vor Ort seine Erkenntnisse zusammengetragen hat. Er tat dies nicht nur aus persönlichem Interesse, sondern in Zusammenarbeit mit einer Organisation der Angehörigen der Unglücksopfer.
Als Nautikexperte, Pilot, Betreiber einer kleinen Airline und zeitweiliger Flugunfall-Ursachenermittler verfügte er über ideale Qualifikationen in dieser Sache. Hinzu kommt, dass er fließend japanisch spricht und entsprechende Dokumente auch in japanischen Archiven im Original einsehen und mit weiteren Quellen vergleichen konnte. Schließlich ereignete sich der Vorfall nicht weit vor der Küste des Inselstaates und wurde von dessen ziviler und militärischer Luftüberwachung wahrgenommen und in den Medien des Landes umfassend verarbeitet.
Brun hatte Zugang zu den Aufzeichnungen des Funkverkehrs zwischen den Flugzeugen und Bodenstationen in jener Nacht, zu abgefangenen Funksprüchen der Jagdflugzeuge, zu Unterlagen der Such- und Bergungsmissionen verschiedener Seiten. Er sichtete russische und japanische Pressearchive sowie die offiziellen Untersuchungsberichte. Vieles davon wurde zuvor selektiv und in manipulativer Absicht veröffentlicht - ein Laie konnte so kaum die richtigen Schlüsse ziehen. Brun jedoch studierte umfangreichere Quellen und war durch seinen Sachverstand in der Lage, diese korrekt zu interpretieren. Aber vor allem suchte er wochenlang systematisch und mit Erfolg die Küstenlinie japanischer Inseln nach angespülten Bruchstücken ab und zog andere Experten zur Auswertung seiner Funde heran.
Es ergaben sich viele Fragen, die einer Antwort bedurften: Wieso passten die Orte, an denen Flugzeugwrackteile auftauchten, überhaupt nicht mit der vorgeblichen Absturzgegend überein und welche Rolle spielten die Strömungs- und Meeresverhältnisse bei der Lokalisierung der Unglücks- bzw. Fundstellen? Worauf deuteten die zahlreichen, sich in wesentlichen Details widersprechenden Augenzeugenberichte hin? Warum konnten viele Trümmerstücke nicht einer Boeing 747, sondern eher Militärmaschinen zugeordnet werden? Auf welche Flugbewegungen ließen die Radaraufzeichnungen jener Nacht tatsächlich schließen? Wieso war auf Bandmitschnitten des Funkverkehrs die Stimme des Flugkapitäns von KAL007 noch lange nach dem vermeintlichen Abschusszeitpunkt zu vernehmen und mit wem kommunizierte er? Und was sollte man von veröffentlichten Flugschreiberdaten halten, die angeblich aus der Unglücksmaschine stammten, bei genauerer Analyse jedoch weder dem Flugzeugtyp, noch dessen vorgeblicher Flugroute entsprachen? Welches Schicksal ereilte den Jumbojet tatsächlich?
Eine Leseempfehlung
Was die Untersuchungen Bruns im Einzelnen ergeben haben und welcher Ablauf der Geschehnisse (die eben nicht nur den einzelnen Airliner betrafen) dadurch fast minutiös nachgezeichnet werden konnte, soll an dieser Stelle nicht ausführlicher beschrieben werden, denn es würde den Rahmen sprengen.
Ich möchte die Lektüre seines Buches aber allen empfehlen, die - abseits phantastischer Theorien und Spekulationen - an sachlichen, fundierten und seriösen Informationen über bestürzende Ereignisse unter der durch (staatliche oder privatwirtschaftliche) Propaganda nivellierten Oberfläche von Geschichte und Weltpolitik interessiert sind. Ereignisse, die der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt geworden sind und die stellvertretend für das zynische und gefährliche Kräftemessen der Supermächte in der Zeit des Kalten Krieges stehen, das die Welt mehr als einmal, aber vor allem in jener Nacht über dem Pazifik, an den Rand der Katastrophe gebracht hat.
Außerdem erstaunt, wie weitsichtig einzelne Aussagen über den Charakter klandestiner US-amerikanischer Operationen für ein Mitte der neunziger Jahre geschriebenes Buch vor dem Hintergrund späterer Entwicklungen erscheinen.
Wandeln am Abgrund
Wer die Möglichkeit einer unmittelbaren amerikanisch-sowjetischen Konfrontation für unrealistisch hält (im allgemeinen heißt es, man ließ “nur” Stellvertreterkriege führen), der sollte sich darüber im Klaren sein, dass nicht zum ersten Male der Kalte Krieg der beiden Supermächte in ein direktes Scharmützel mit tödlichem Ausgang umgeschlagen wäre. Wie die Fernsehdokumentation Abschuss über der Sowjetunion (die sich auf freigegebene Dokumente und Aussagen Beteiligter stützt) zeigt, kam es bereits in den fünfziger Jahren immer wieder zu provokativen Überflügen im seinerzeit noch schlecht geschützten sowjetischen Luftraum durch amerikanische Militärflugzeuge - teilweise gleich im Pulk und in sehr aggressiver Weise. Die Luftstreitkräfte der UdSSR verbesserten jedoch allmählich ihre Fähigkeiten und konnten später das Territorium wirksam verteidigen. (Auch über DDR-Gebiet wurde diese dreiste und gefährliche Luftspionage betrieben und folglich 1952 ein britisches sowie 1964 ein amerikanisches Militärflugzeug abgeschossen.)
Einen vorläufigen Höhepunkt fand dieses tödliche Katz-und-Maus-Spiel ausgerechnet am 1. Mai des Jahres 1960, als ein in der bis dahin für die sowjetische Luftabwehr unerreichbaren Höhe von 21500 m operierender U2-Aufklärer von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde und dessen unerwartet überlebender Pilot Francis Gary Powers in einer für die USA hochnotpeinlichen Situation der Weltöffentlichkeit die verlogene Politik der Regierung Eisenhower (”verirrtes Forschungsflugzeug zur Wettererkundung”) bewies.
Natürlich wird man fragen, weshalb die sowjetische (und später russische) Seite der westlichen Darstellung der Vorgänge um KAL007 nicht deutlicher widersprach und nicht nachdrücklicher den tatsächlichen Ablauf schilderte, sondern eher noch mithalf, die Perspektive des Gegners zu untermauern. Ich möchte versuchen, diese Frage schon jetzt zu beantworten. Zunächst: Der Spionagevorwurf blieb ja bestehen und damit eine Schuldzuweisung an die amerikanische Adresse. Aber vor allem fallen mir zwei denkbare, gewichtige Argumente ein: das erste wäre ein großer Haufen Geld, sozusagen Schweigegeld, das die wirtschaftlich ins Trudeln geratene östliche Führungsmacht bitter nötig hatte und mit dem man wohl nicht nur die eventuell erlittenen materiellen Verluste begleichen konnte (wobei diese Überlegung natürlich rein spekulativ ist).
Es wäre zweifellos kein Einzelfall, gewisse Ereignisse auf diese Weise zu regeln. Als 1993 die USS Grayling auf Spionagemission vor Murmansk ein russisches U-Boot rammte, beruhigte Clinton den erzürnten Jelzin mit der Bereitstellung eines entsprechenden Milliardenbetrages (Quelle: Jagd unter Wasser von Sherry Sontag u. Christopher Drew, Goldmann, 2000).
Aber noch viel wichtiger: Niemand dürfte ein Interesse an einem weiter eskalierenden Konflikt gehabt haben, der bei einer Einweihung der Öffentlichkeit und gegenseitigen Forderungen nach Vergeltung kaum noch zu kontrollieren gewesen wäre. Die Sowjets waren keine Hasardeure und sich darüber im Klaren, dass sie aus einer möglichen umfassenden Konfrontation nicht unbedingt als Sieger hervorgehen würden, abgesehen von den nicht zu kalkulierenden menschlichen Verlusten. Die Amerikaner hingegen - trotz ihrer provokanten, einschüchternden Aktionen - waren dabei, den Kalten Krieg ohne offene militärische Auseinandersetzung mit ihrem Hauptwidersacher zu gewinnen. Mit anderen Worten: Man musste über alle ideologischen Gräben hinweg gemeinsam die Büchse der Pandora, die man in dieser Nacht geöffnet hatte, wieder schließen, bevor das Unheil gänzlich aus ihr entweichen konnte.
Déjà-vu?
Bleibt zu hoffen, dass die jüngsten Entwicklungen, die auf eine Wiederaufnahme ähnlicher west-östlicher Verhaltensmuster wie im Kalten Krieg hindeuten, nicht erneut in derart kritische Situationen münden. Der Zusammenstoß eines amerikanischen EP-3-Aufklärers vor der chinesischen Küste mit einem Abfangjäger am 1. April 2001 (der den chinesischen Piloten das Leben kostete und Peking Einblick in modernste westliche Abhörelektronik bescherte) sowie die russischen Reaktionen auf zunehmende strategische Einkreisungsmanöver seitens der NATO sollten eigentlich eine Warnung sein. Oder glaubt jemand, es gäbe eine Garantie dafür, dass die an solchen Konfrontationen Beteiligten in letzter Konsequenz doch noch stets einen kühlen Kopf bewahren?
Die so genannte doomsday clock, welche seit 1947 die Einschätzung der Gefahr eines Atomkrieges durch internationale Wissenschaftler symbolisiert, zeigte 1984 - auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges - drei Minuten vor Mitternacht. Anfang der neunziger Jahre entspannte sich die Weltlage nach Meinung der Experten auf vorher unerreichte 17 Minuten. Inzwischen ist es wieder Fünf vor Zwölf.
© Politblog - Lizenzrichtlinien
Eigentlich wird am symbolträchtigen 1. September eines jeden Jahres, zumindest in Deutschland, der Weltfriedenstag (Antikriegstag) begangen. Aber während der ersten Stunden jenes Tages im Jahre 1983 trug sich fernab von Europa, am Rande des Pazifiks, ein Ereignis zu, das mit Weltfrieden wenig - mit dem Gegenteil allerdings viel zu tun hatte.

Verhängnis über den Wolken
Ein südkoreanisches Passagierflugzeug befand sich unter der Flugnummer KAL007 auf dem Weg von New York nach Seoul, verließ nach einem Tank-Zwischenstopp in Anchorage jedoch den vorgegebenen Korridor und drang in sensiblen sowjetischen Luftraum ein. Dabei überflog es strategische Militärinstallationen und Sperrgebiete auf Kamtschatka, das Ochotskische Meer und die Insel Sachalin, wurde von Abfangjägern der Sowjetarmee gestellt und angeblich über dem Ozean nahe der kleinen, unbewohnten Insel Moneron abgeschossen. Alle 240 Fluggäste und die Besatzung der Boeing 747 verloren dabei ihr Leben. Die Vereinigten Staaten reagierten Tags darauf mit einer Propagandaoffensive, Präsident Reagan sprach empört von einem barbarischen Akt und einem Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auf diese Weise gegen ein harmloses Zivilflugzeug vorzugehen.
Doch in den Medien des sozialistischen Lagers hörte sich das Ganze schon etwas anders an. Verschwiegen werden konnte der Vorfall natürlich nicht. Entsprechend der von Moskau verlautbarten Darstellung handelte es sich beim Flug KAL007 um eine Spionagemission, was ein versehentliches Abweichen vom Kurs unwahrscheinlich machte. Verschiedene Indizien erhärteten diese Version und untermauert wurde sie außerdem durch Hinweise auf das gleichzeitige Eindringen einer amerikanischen Aufklärungsmaschine vom Typ RC-135 in den betreffenden Luftraum.
Dass die erhebliche Abweichung vom geplanten Kurs von den erfahrenen Piloten der Maschine mit der bondesken Flugnummer so lange unbemerkt geblieben sein sollte, die redundante Navigationsausrüstung des modernen Großraumflugzeugs versagt haben und den überwachenden Bodenstationen keinerlei Warnung möglich gewesen sein sollte, nährte bald Zweifel an der westlichen Interpretation des Zwischenfalls. Die vermeintlich zivile Boeing 747 reagierte zudem auf keinerlei Kommunikationsversuche seitens der Abfangjäger. Weder Funksprüche, noch auffällige Flugmanöver oder Warnschüsse mit Leuchtspurmunition führten zum Erfolg. Stur zog der Jumbo seine nicht autorisierte Bahn durch die Nacht.
Jahre später führten Aussagen und Informationen, die ein paar interessante Details offenbarten, übrigens sogar zu einer kleinen Anfrage im Deutschen Bundestag. Darin wird deutlich, wie mit manipulativen Mitteln, z. B. selektiver Veröffentlichung von Dokumenten, seinerzeit die internationale Öffentlichkeit propagandistisch beeinflusst werden sollte.
Handelte es sich also nur um einen zufälligen, durch tragische Umstände herbeigeführten Zwischenfall und den Beweis sowjetischer Militanz und Aggressivität, wie es der Westen behauptete oder verbarg sich hinter dem Unglücksflug doch eine ganz andere Bedeutung?
Kalte Krieger und eisige Zeiten
Um die Ereignisse besser einordnen und verstehen zu können, vor welchem historischen Hintergrund sie geschahen, ist es hilfreich, die weltpolitische Lage jener Zeit in Erinnerung zu rufen.
Während der 80ger Jahre zeichnete sich der Showdown der beiden konkurrierenden Blöcke ab, deren Existenz die Welt mehr als vierzig Jahre in ein bipolares Machtsystem verwandelt hatte. Wie diese finale Auseinandersetzung enden würde, war damals für die meisten nicht vorherzusehen. Als das Jahrzehnt vorüber war, konnten wir jedoch aufatmen - die nukleare Katastrophe, unter deren apokalyptischem Damoklesschwert am seidenen Faden wir so lange leben mussten, blieb aus, und der eine der beiden globalen Kontrahenten verschwand wenig später recht geräuschlos auf dem Schrottplatz der Geschichte. (Doch sollte man sich an dieser Stelle nicht zu früh freuen: Wie hoch der Preis für die neue - nunmehr unipolare - Weltordnung sein wird, den wir zu entrichten haben, das wird sich in voller Gewissheit erst noch erweisen müssen. Mit Blick auf die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts wäre ich jedenfalls nicht besonders zuversichtlich.)
Doch zurück zu jenem Jahrzehnt, als die Rüstungsspirale auf beiden Seiten ihr höchstes Niveau erreichte und düstere Wolken am Himmel aufzogen: 1979 hatte die NATO mit ihrem Doppelbeschluss die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in Westeuropa angekündigt und damit das Bedrohungsszenario gegen Moskau erheblich verschärft, da sich die Vorwarnzeiten drastisch verkürzten. Im gleichen Jahr waren sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschiert und so - nach den Worten des damaligen US-Sicherheitsberaters Brzezinski - in eine Falle gegangen, die der UdSSR ihren Vietnam-Krieg, d.h. einen zermürbenden, nicht zu gewinnenden Konflikt bescheren sollte.
Zu diesem Zweck finanzierte und unterstützte die US-Regierung unter Jimmy Carter schon vor dem Einmarsch der Sowjetarmee am Hindukusch oppositionelle fundamentalistisch-islamistische Kräfte, die so genannten Mudjaheddin, um die östliche Großmacht zu einer aggressiven Reaktion an ihrer südlichen Grenze zu provozieren. Der russische Bär war dumm genug, dies zu tun. (Heute besetzen die damals als Widerstandskämpfer gegen den Kommunismus von Washington protegierten und bewaffneten Gotteskrieger die Rolle globaler Terroristen und helfen dadurch, die bellizistische Außen- und Sicherheitspolitik des Westens zu rechtfertigen.)
Im Jahre 1981 trat Ronald Reagan, die Galionsfigur aller Neocons, seine Präsidentschaft an und ging zum Angriff über. Er verschärfte den Ton in Richtung Ostblock, nannte die Sowjetunion ein “Reich des Bösen”, warb für das Star-Wars-Programm SDI und wollte im Rahmen der nach ihm benannten Doktrin einen neuen, weltweiten “Kreuzzug für die Freiheit” beginnen.
In diesem Zusammenhang finanzierte seine Administration wahrscheinlich durch CIA-Gelder und über den Vatikan die polnische Oppositionsbewegung, um das sozialistische Lager auch von innen aufzuweichen. Seine Rhetorik gipfelte in der während einer Mikrofonprobe scherzhaft gemeinten Ansage, in fünf Minuten beginne die Bombardierung Russlands. Sein Außenminister, General Alexander Haig, sekundierte, es gebe wichtigere Dinge als den Frieden. Nach einer zweiten Amtszeit sollte der “Führer der freien Welt” seine Ziele im Wesentlichen tatsächlich erreicht haben. Zum Dank dafür benannte die US-Navy einen Flugzeugträger nach ihm.
Wachsende Nervosität
In einer solchen Atmosphäre kann es nicht weiter verwundern, dass die Nerven auf der Gegenseite ausgesprochen angespannt sein mussten. Die Situation spitzte sich zu, denn in der Tat rechnete man im Warschauer Pakt Anfang der achtziger Jahre ganz konkret mit einem unmittelbar bevorstehenden atomaren Erstschlag der NATO. Welchem Zweck sollten wohl sonst die neuen Raketen, nur wenige Flugminuten vom Herzen der UdSSR entfernt, dienen?
Die Sicherheitsdienste des Ostblocks erhielten aus Moskau die besondere Weisung, ihre Agenten im Westen nach akuten Anzeichen von Angriffsvorbereitungen Ausschau halten zu lassen. Wie durch verschiedene Quellen verlautbart, wurden im Rahmen des speziell zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Projekts RJAN/RYAN alle Bemühungen gebündelt, Merkmale für einen nuklearen Countdown rechtzeitig zu erkennen und sofort nach Moskau weiterzumelden. Ein Missverständnis zu viel, z. B. während der NATO-Übung Able Archer, hätte dramatische Folgen haben können.
Fernsehkonsumenten glauben heute wahrscheinlich, nachdem es auf allen Kanälen wiederholt wurde, dass die Kubakrise 1962 der kritischste Moment der Nachkriegsgeschichte war. Vielleicht trifft dies auch zu. Aber M. S. Gorbatschow sprach auf dem 27. Parteitag der KPdSU (1986) davon, dass die Weltlage in den letzten Jahrzehnten vielleicht niemals so gefährlich gewesen sei wie Anfang der achtziger Jahre.
Und dass die US-Pazifikflotte während eines Großmanövers die Jets ihrer Trägerverbände entlang der sowjetischen Grenze über dem Ochotskischen Meer und den Kurilen patrouillieren ließ, trug in den Tagen vor den hier geschilderten Ereignissen nahe Sachalin nicht unbedingt zur Entspannung bei.
Unter all diesen Umständen musste das nicht genehmigte Eindringen von Flugzeugen in gesperrten sowjetischen Luftraum hochgradig alarmierend wirken, denn es konnte sich dabei in der Logik des Militärs nur um die Vorbereitung eines Luftangriffs handeln. Eine solche Aufklärungsmaßnahme hätte den Zweck, durch Provokation ein Aktivieren des gegnerischen Luftabwehrradarsystems zu veranlassen, um dessen Verteilung, Frequenzen, Reaktionszeit etc. mit elektronischen Mitteln zu erfassen. Informationen, die mit Spionagesatelliten allein nicht zu beschaffen, jedoch für Fliegerkräfte unmittelbar vor einem Angriff lebenswichtig wären. Die sowjetische Luftabwehr sah sich also gezwungen zu handeln.
Die Beschreibung der seinerzeitigen Lage wird auch in diesem lesenwerten Artikel - mit einigen frappierenden Details angereichert - illustriert.
Passagierflug oder Spionagemission - Abseits der Propaganda
Natürlich gab es mehrere amtliche Untersuchungen und Auswertungen des Abschusses von KAL007, z. B. durch die ICAO (International Civil Aviation Organization). In Zeitungen, Journalen und Büchern ist viel geschrieben worden, sogar ein Spielfilm wurde produziert. Das meiste davon dürfte den oben geschilderten Hergang reflektieren. Doch bei der Suche nach Material, das sich kritisch mit der Mainstreamverarbeitung (aber dennoch nüchtern und seriös) des Themas annimmt, bin ich auf ein Werk gestoßen, das detailliert den Vorgängen nachspürt und zu gleichermaßen verblüffenden wie erschütternden Feststellungen kommt, die deutlich über das allgemein Bekannte hinausgehen.
Es handelt sich um das Buch Incident at Sakhalin des französischen Autors Michel Brun, das sehr sachlich geschrieben ist und auf jede spekulative Dramatisierung verzichtet. Brun orientiert sich ausschließlich an Fakten, belegbaren Quellen und vor allem an den Ergebnissen seiner eigenen Untersuchungen. Und diese dürften ausgesprochen profund sein, schließlich handelt es sich bei dem Autor um einen erwiesenen Fachmann, der in aufwändigen Ermittlungen vor Ort seine Erkenntnisse zusammengetragen hat. Er tat dies nicht nur aus persönlichem Interesse, sondern in Zusammenarbeit mit einer Organisation der Angehörigen der Unglücksopfer.
Als Nautikexperte, Pilot, Betreiber einer kleinen Airline und zeitweiliger Flugunfall-Ursachenermittler verfügte er über ideale Qualifikationen in dieser Sache. Hinzu kommt, dass er fließend japanisch spricht und entsprechende Dokumente auch in japanischen Archiven im Original einsehen und mit weiteren Quellen vergleichen konnte. Schließlich ereignete sich der Vorfall nicht weit vor der Küste des Inselstaates und wurde von dessen ziviler und militärischer Luftüberwachung wahrgenommen und in den Medien des Landes umfassend verarbeitet.
Brun hatte Zugang zu den Aufzeichnungen des Funkverkehrs zwischen den Flugzeugen und Bodenstationen in jener Nacht, zu abgefangenen Funksprüchen der Jagdflugzeuge, zu Unterlagen der Such- und Bergungsmissionen verschiedener Seiten. Er sichtete russische und japanische Pressearchive sowie die offiziellen Untersuchungsberichte. Vieles davon wurde zuvor selektiv und in manipulativer Absicht veröffentlicht - ein Laie konnte so kaum die richtigen Schlüsse ziehen. Brun jedoch studierte umfangreichere Quellen und war durch seinen Sachverstand in der Lage, diese korrekt zu interpretieren. Aber vor allem suchte er wochenlang systematisch und mit Erfolg die Küstenlinie japanischer Inseln nach angespülten Bruchstücken ab und zog andere Experten zur Auswertung seiner Funde heran.
Es ergaben sich viele Fragen, die einer Antwort bedurften: Wieso passten die Orte, an denen Flugzeugwrackteile auftauchten, überhaupt nicht mit der vorgeblichen Absturzgegend überein und welche Rolle spielten die Strömungs- und Meeresverhältnisse bei der Lokalisierung der Unglücks- bzw. Fundstellen? Worauf deuteten die zahlreichen, sich in wesentlichen Details widersprechenden Augenzeugenberichte hin? Warum konnten viele Trümmerstücke nicht einer Boeing 747, sondern eher Militärmaschinen zugeordnet werden? Auf welche Flugbewegungen ließen die Radaraufzeichnungen jener Nacht tatsächlich schließen? Wieso war auf Bandmitschnitten des Funkverkehrs die Stimme des Flugkapitäns von KAL007 noch lange nach dem vermeintlichen Abschusszeitpunkt zu vernehmen und mit wem kommunizierte er? Und was sollte man von veröffentlichten Flugschreiberdaten halten, die angeblich aus der Unglücksmaschine stammten, bei genauerer Analyse jedoch weder dem Flugzeugtyp, noch dessen vorgeblicher Flugroute entsprachen? Welches Schicksal ereilte den Jumbojet tatsächlich?
Eine Leseempfehlung
Was die Untersuchungen Bruns im Einzelnen ergeben haben und welcher Ablauf der Geschehnisse (die eben nicht nur den einzelnen Airliner betrafen) dadurch fast minutiös nachgezeichnet werden konnte, soll an dieser Stelle nicht ausführlicher beschrieben werden, denn es würde den Rahmen sprengen.
Ich möchte die Lektüre seines Buches aber allen empfehlen, die - abseits phantastischer Theorien und Spekulationen - an sachlichen, fundierten und seriösen Informationen über bestürzende Ereignisse unter der durch (staatliche oder privatwirtschaftliche) Propaganda nivellierten Oberfläche von Geschichte und Weltpolitik interessiert sind. Ereignisse, die der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt geworden sind und die stellvertretend für das zynische und gefährliche Kräftemessen der Supermächte in der Zeit des Kalten Krieges stehen, das die Welt mehr als einmal, aber vor allem in jener Nacht über dem Pazifik, an den Rand der Katastrophe gebracht hat.
Außerdem erstaunt, wie weitsichtig einzelne Aussagen über den Charakter klandestiner US-amerikanischer Operationen für ein Mitte der neunziger Jahre geschriebenes Buch vor dem Hintergrund späterer Entwicklungen erscheinen.
Wandeln am Abgrund
Wer die Möglichkeit einer unmittelbaren amerikanisch-sowjetischen Konfrontation für unrealistisch hält (im allgemeinen heißt es, man ließ “nur” Stellvertreterkriege führen), der sollte sich darüber im Klaren sein, dass nicht zum ersten Male der Kalte Krieg der beiden Supermächte in ein direktes Scharmützel mit tödlichem Ausgang umgeschlagen wäre. Wie die Fernsehdokumentation Abschuss über der Sowjetunion (die sich auf freigegebene Dokumente und Aussagen Beteiligter stützt) zeigt, kam es bereits in den fünfziger Jahren immer wieder zu provokativen Überflügen im seinerzeit noch schlecht geschützten sowjetischen Luftraum durch amerikanische Militärflugzeuge - teilweise gleich im Pulk und in sehr aggressiver Weise. Die Luftstreitkräfte der UdSSR verbesserten jedoch allmählich ihre Fähigkeiten und konnten später das Territorium wirksam verteidigen. (Auch über DDR-Gebiet wurde diese dreiste und gefährliche Luftspionage betrieben und folglich 1952 ein britisches sowie 1964 ein amerikanisches Militärflugzeug abgeschossen.)
Einen vorläufigen Höhepunkt fand dieses tödliche Katz-und-Maus-Spiel ausgerechnet am 1. Mai des Jahres 1960, als ein in der bis dahin für die sowjetische Luftabwehr unerreichbaren Höhe von 21500 m operierender U2-Aufklärer von einer Boden-Luft-Rakete getroffen wurde und dessen unerwartet überlebender Pilot Francis Gary Powers in einer für die USA hochnotpeinlichen Situation der Weltöffentlichkeit die verlogene Politik der Regierung Eisenhower (”verirrtes Forschungsflugzeug zur Wettererkundung”) bewies.
Natürlich wird man fragen, weshalb die sowjetische (und später russische) Seite der westlichen Darstellung der Vorgänge um KAL007 nicht deutlicher widersprach und nicht nachdrücklicher den tatsächlichen Ablauf schilderte, sondern eher noch mithalf, die Perspektive des Gegners zu untermauern. Ich möchte versuchen, diese Frage schon jetzt zu beantworten. Zunächst: Der Spionagevorwurf blieb ja bestehen und damit eine Schuldzuweisung an die amerikanische Adresse. Aber vor allem fallen mir zwei denkbare, gewichtige Argumente ein: das erste wäre ein großer Haufen Geld, sozusagen Schweigegeld, das die wirtschaftlich ins Trudeln geratene östliche Führungsmacht bitter nötig hatte und mit dem man wohl nicht nur die eventuell erlittenen materiellen Verluste begleichen konnte (wobei diese Überlegung natürlich rein spekulativ ist).
Es wäre zweifellos kein Einzelfall, gewisse Ereignisse auf diese Weise zu regeln. Als 1993 die USS Grayling auf Spionagemission vor Murmansk ein russisches U-Boot rammte, beruhigte Clinton den erzürnten Jelzin mit der Bereitstellung eines entsprechenden Milliardenbetrages (Quelle: Jagd unter Wasser von Sherry Sontag u. Christopher Drew, Goldmann, 2000).
Aber noch viel wichtiger: Niemand dürfte ein Interesse an einem weiter eskalierenden Konflikt gehabt haben, der bei einer Einweihung der Öffentlichkeit und gegenseitigen Forderungen nach Vergeltung kaum noch zu kontrollieren gewesen wäre. Die Sowjets waren keine Hasardeure und sich darüber im Klaren, dass sie aus einer möglichen umfassenden Konfrontation nicht unbedingt als Sieger hervorgehen würden, abgesehen von den nicht zu kalkulierenden menschlichen Verlusten. Die Amerikaner hingegen - trotz ihrer provokanten, einschüchternden Aktionen - waren dabei, den Kalten Krieg ohne offene militärische Auseinandersetzung mit ihrem Hauptwidersacher zu gewinnen. Mit anderen Worten: Man musste über alle ideologischen Gräben hinweg gemeinsam die Büchse der Pandora, die man in dieser Nacht geöffnet hatte, wieder schließen, bevor das Unheil gänzlich aus ihr entweichen konnte.
Déjà-vu?
Bleibt zu hoffen, dass die jüngsten Entwicklungen, die auf eine Wiederaufnahme ähnlicher west-östlicher Verhaltensmuster wie im Kalten Krieg hindeuten, nicht erneut in derart kritische Situationen münden. Der Zusammenstoß eines amerikanischen EP-3-Aufklärers vor der chinesischen Küste mit einem Abfangjäger am 1. April 2001 (der den chinesischen Piloten das Leben kostete und Peking Einblick in modernste westliche Abhörelektronik bescherte) sowie die russischen Reaktionen auf zunehmende strategische Einkreisungsmanöver seitens der NATO sollten eigentlich eine Warnung sein. Oder glaubt jemand, es gäbe eine Garantie dafür, dass die an solchen Konfrontationen Beteiligten in letzter Konsequenz doch noch stets einen kühlen Kopf bewahren?
Die so genannte doomsday clock, welche seit 1947 die Einschätzung der Gefahr eines Atomkrieges durch internationale Wissenschaftler symbolisiert, zeigte 1984 - auf einem Höhepunkt des Kalten Krieges - drei Minuten vor Mitternacht. Anfang der neunziger Jahre entspannte sich die Weltlage nach Meinung der Experten auf vorher unerreichte 17 Minuten. Inzwischen ist es wieder Fünf vor Zwölf.
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Kommentar von Franz-Josef Hanke am 31. August um 13:54 Uhr
1983 und 1984 war die Block-Konfrontation wirklich sehr eskaliert. Ich entsinne mich der damaligen Friedens-Aktionen im Fulda Gap, wo das Aufmaschgebiet des dritten Weltkriegs angesiedelt wurde.
Nur noch sehr düster erinnere mich an den Flug einer Bundes-Luftwaffen-Maschine nach Afrika, der vor der Küste abgestürzt ist. An Bord waren Sportler und ihre Frauen. Einer war ein Schulkamerad von mir.
Seltsamerweise handelte es sich bei der Maschine um eine von drei Maschinen der Luftwaffe mit spezieller Spionage-Technik an Bord. Wurden die Insassen als “menschliches Schutzschild” für Spionage-Aktivitäten missbraucht und “geopfert”?
fjh
Kommentar von bruce1337 am 31. August um 16:36 Uhr
Fußnote am Rande:
- Congressman Larry P. McDonald, 1976, killed in KAL007
Kommentar von Nemo am 31. August um 19:16 Uhr
@FJH
Sie meinen vermutlich die TU-154 der Luftwaffe, die am 13.09.1997 vor Namibia abstürzte - nachdem sie mit einer C-141 der US Airforce kollidierte!
Die Tupolew war die einzige deutsche Maschine, die technisch für sogenannte Open Skies-Aufgaben ausgerüstet war. Dabei handelt es sich eigentlich um ein internationales Abkommen über vertrauensbildende Maßnahmen aus den neunziger Jahren. Die Unterzeichnerstaaten sollen die Möglichkeit bekommen, sich gegenseitig aus der Luft zu beobachten und sich davon überzeugen, dass der jeweilige Vertragspartner nichts böses im Schilde führt.
Es hieß, die TU sei in falscher Flughöhe unterwegs gewesen. Auch hierzu gab es - wohl nicht ohne Grund - kleine Anfragen im Bundestag.
Kommentar von basilisk am 1. September um 18:14 Uhr
Schade dass dieses Thema nicht mehr Interesse gefunden hat. Es ist ein Musterbeispiel der absoluten moralischen verkommenheit der USA (nicht erst heute, es war immer so). Verwirrspiele um Flugzeuge gehört offenbar zum Standardrepertoire dieser Zombies. Dazu kommt dann noch die ekelhafte Propaganda, ich kann mich noch gut an diese Zeit erinnern, es herrschte absolute Hysterie, zuerst kurze Zweifel aber dann nach 2 Tagen war alles auf Kurs: Hasstyraden, Boykott die ganze Palette. Wir werden es wieder erleben: die Olympischen Spiele in Peking werden boykottreif gemacht wetten?
Kommentar von Franz-Josef Hanke am 1. September um 19:48 Uhr
Ja, Nemo, genau die meinte ich. Ich hatte diese Geschichte nur noch recht vage in Erinnerung, aber mir war sie schon damals als merkwürdig aufgestoßen.
Später erfuhr ich, dass einer der Passagiere an Bord ein schulkamerad von mir war, der nach dem Abitur als Zeitsoldat zur Bundeswehr gegangen war und dort einen höheren Offiziersrang innehatte. Ich hatte aber nach dem Abi keinen Kontakt mehr zu ihm und schon vorher recht wenig mit ihm zu tun.
Auch ich fand diesen Artikel sehr interessant. Ich denke aber noch darüber nach, was daraus für mich folgt.
Im Übrigen muss ich jetzt noch einmal eine recht vage andere Erinnerung einführen: Bei einer Buchmesse in Frankfurt habe ich die deutschsprachige Lesung einer koreanischen Autorin gehört, die einen politischen Roman über einen Flugzeugabsturz geschrieben hatte. Dabei ging es aber wohl um eine Entführung durch nordkoreanische Luftpiraten, die eine südkoreanische Maschine gekapert hatten.
Ihre Protagonistin in dem Roman hatte bei dieser Aktion ihren linken Arm verloren. Sie besuchte den nordkoreanischen Geheimdienstagenten in Seoul im Gefängnis und verliebte sich in ihn.
Die sehr ausgefeilte Bildsprache des romans beschrieb die beiden koreanischen Staaten als Menschen, die einander lieben, einander hassen, einander vernichten udn dennoch nicht voneinander lassen können.
Den Namen der Autorin suche ich noch mal heraus, wenn ich ihn finde. Die Passage, die sie in deutscher Übersetzung gelesen hat, hat mir überaus gut gefallen. Ich habe auch einige Worte mit ihr gewechselt. Sie hatte damals eine Gastprofessur an irgendeiner ostdeutschen Universität. Ich weiß aber nicht mehr sicher, ob es Leipzig, Halle oder ein anderer Ort war.
fjh
Kommentar von ohdaesu am 3. September um 11:09 Uhr
es gab auch eine menge überwachungsflüge in der DDR. Weil es 3 Offizielle Luftkorridore nach Berlin gab, war Ostdeutschland das damals bestbekannteste Gebiet der Welt. Die fast immer als Passagierflugzeuge verwendete Maschinen haben immer versucht, wie weit sie den Korridor “ausreizen” können.
Insgesamt wurden in 40 Jahren 35.000 Überwachungsflüge gemacht. Das sind täglich 3 stück…