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Überblick über Entwicklungen im Nahostkrieg - Montag 31.07.06

Ein neuer Tag, ein neues Massaker an Zivilisten.

In der libanesischen Stadt Qana beschossen israelische Kampfflugzeuge eine Reihe von Häusern mit Raketen. Bei dem Angriff starben mindestens 56 Menschen im Schlaf, 39 von ihnen Kinder. Die Getöteten suchten in den Gebäuden Zuflucht vor den Bombardierungen. Frankreichs Präsident Chirac nannte den Angriff “nicht zu rechtfertigende Tat”, von unserer Kanzlerin gab es keine Stellungnahme bis gestern Abend. Hier übrigens ein guter Artikel zur allgemein verhaltenen deutschen Reaktion auf den Krieg.
Und da ichs schon von guten Artikeln habe, hier auch ein sehr guter von Tomas Avenarius für die Süddeutsche Zeitung, einer der wenigen der nicht die Lüge von den “gezielten Luftschlägen gegen Extremisten” nachplappert.

Schon am Freitag beschoss die israelische Artillerie einen Flüchtlingskonvoi, in dem auch ein Fotograf der Associated Press und ein Kameramann von N24 saßen. Zum Glück verursachte der Beschuss nur leichte Verletzungen. Der Konvoi war auf dem Weg zurück von einem Dorf, aus dem er die Flüchtlinge vor den Israelis gerettet hatte.

Robert Fisk schreibt für den Independent von einem anderen Rettungseinsatz des Roten Kreuzes. Die Israelis waren informiert und gaben grünes Licht für die Route, und trotzdem beschossen sie später die Hilfskräfte. “Es ist eine heikle Angelegenheit, der israelischen Armee und Luftwaffe zu vertrauen, die fast jeden Tag die Genfer Konventionen brechen.”

Die Ärzteorganisation “Ärzte ohne Grenzen” schreibt, dass es “effektiv keinen humanitären zugang zum südlichen Libanon gibt“. Schon seit zwei Tagen würde israelische Artillerie die Hilfskonvois der Organisation beschießen.

Im Zuge der Zerstörung des UNO-Beobachterpostens mit einer lasergelenkten Bombe hat die Weltorganisation übrigens alle 50 dieser unbewaffneten Beobachter abgezogen. Freie Bahn für weitere Kriegsverbrechen, dank der israelischen Luftwaffe.

Die damit mehr oder weniger freie Grenze lässt Israel nicht ungenutzt. Laut syrischen Reportern zeigt die IDF wieder verstärkte Aktivität auf den Golan-Höhen, jahrelang verlassene Basen werden wieder besetzt.

Unterdessen werden in Israel weitere 15.000 Reservisten für den Einsatz trainiert. Den Einsatz gegen Syrien ?

Den wollen scheinbar nach wie vor einige Mitglieder aus Israels Regierung. Yahoo zitiert israelische Medien und sagt, dass “wenige für eine Ausweitung des Krieges auf Syrien” sind. Wenige sind aber manche. Israel jedenfalls bereitet sich schon auf eine Konfrontation vor. Premierminiser Olmert: “Die Syrer wissen dass wir in Alarmbereitschaft sind”.
Inmitten dieses Säbelrassens kommen Berichte über die Zerstörung einer israelischen Drohne in libanesischem Luftraum nahe der syrischen Grenze, je nach Bericht durch syrische Streitkräfte oder einen technischen Fehler.

Ein anderer Vorfall geschah zwar schon am letzten Montag abend, ich bin aber erst jetzt darauf gestoßen: Sowohl der türkische Verkehrsminister als auch der australische Botschafter in Ankara haben bestätigt, dass Israel eine türkische Fähre, die australische Flüchtlinge aus Beirut evakuieren sollte, mit einem Warnschuss bedacht und nicht passieren hat lassen. Israel hat aus dem Libanon ein riesiges Gefängnis gemacht, und ob Araber oder Westler, alle sind hilflos dem Zielvermögen israelischer Soldaten ausgeliefert. Es wäre kein Problem für Israel, zu überwachen dass mit einer solchen Fähre keine neuen Hisbollahkämpfer ankommen (sowieso ein äußerst unsinniger Gedanke). Dass allen internationalen Zivilisten die Flucht vor der israelischen Terrorkampagne verwehrt bleibt, ist nur ein weiteres israelisches “go fuck you” an die gesamte Welt.
Und das soll ein Land sein, dem wir warum auch immer wohlgesonnen sein sollen ?

Ehud Olmert jedenfalls sagte der amerikanischen Außenministerin Rice, “wir brauchen noch 10 bis 14 Tage Zeit für unsere militärischen Operationen“.
14 Tage für was Herr Olmert ? Für 14 Mal diese Bilder hier ? Oder diese ? Mehr Kinder, denen der Kopf abgerissen wurde ?

Und weil Herr Olmert 14 Tage Zeit für seinen Massenmord wünscht hält die Außenministerin des angeblich mächtigsten Landes der Erde still und lächelt in die Kameras, anstatt dem Killer klarzumachen dass es für die ohnehin schwierige amerikanische Außenpolitik in der Region äußerst kontraproduktiv ist was er da tut.

Und wo wir schon bei der amerikanischen Außenministerin sind (deren Vorgehen auch der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski kritisiert), die zeigte mal wieder sehr ihr getötete Zivilisten und die Stabilität im Nahen Osten am Herzen liegen. Anstatt Überstunden für eine Lösung des Konfliktes zu arbeiten, spielt sie in Kuala Lumpur auf einer Gala Klavier.

Und auch der Chef der Außenministerin zeigt weiterhin, wie ers mit der harten Realität hat.
In seiner wöchentlichen Radioansprache hatte Präsident Bush mal wieder eine Vision von einem “neuen Nahen Osten”, wie er auch schon so eine Vision vor der Invasion des Iraks hatte - und wir wissen alle wie das geendet hat:

“Dieser Moment des Konfliktes im Nahen Osten ist schmerzvoll und tragisch, aber auch eine Gelegenheit für weitreichende Änderungen in der Region. Länder zu transformieren, die Jahrzehnte der Tyrannei und Gewalt ertragen musste, ist schwer. Aber die Konsequenzen daraus werden für unser Land und für die Welt immens sein.”

Wie verlogen Bushs Worte von Schmerz und Tragik sind sollte klar sein, wenn man sich vorstellt das zur selbern Zeit 100 amerikanische Flugzeugbomben auf dem Weg nach Israel sind, passend für den nächsten UNO-Posten oder Flüchtlingskonvoi. Absurderweise hat Bush Recht, wenn auch nicht auf die Weise die er gerne hätte. Der Konflikt im Nahen Osten und seine Konsequenzen werden tatsächlich immense Konsequenzen für Amerika und die ganze Welt haben. Es werden sich noch viel mehr Menschen aus dem Nahen Osten gegen Israel und seine Protektoren Amerika und Großbritannien stellen. Die Hisbollah wird mehr Unterstützung haben als je zuvor, und die Chancen einer Vernichtung Israels stehen von Tag zu Tag besser. Und das hat sich Israel seit dieser Terrorkampagne gegen libanesische Zivilisten wieder ein Stück mehr selbst zuzuschreiben.

Nicht nur der sonst relativ neutrale jordanische König verurteilt die “kriminelle Aggression” Israels. Das ansonsten absolut Bush-loyale saudische Königshaus schickte persönlich zwei Regierungsmitglieder nach Washington zu Bush, um ihn vor den Konsequenzen der israelischen Aggression zu warnen.

In Israel und in New York stellen sich immer mehr Juden gegen Olmert und seinen Krieg.
In England probt jetzt bereits das Kabinett den offenen Aufstand gegen Tony Blair. Dessen ehemaliger Außenminister Jack Straw vergisst anders als unsere deutschen Politiker nicht, dass es immer noch “10 mal mehr tote libanesische Zivilisten (als tote Israelis)” gibt. Beinahe jeder bei einer Kabinettsitzung am Freitag anwesende Minister habe den Premier aufgefordert, mit Präsident Bush zu brechen, seine Rolle als “Pudel Amerikas” aufzugeben und die bedingungslose Unterstützung Israels zu beenden.
Doch Blair ließ sich davon nicht beirren und tanzte ganz nach Israels Pfeife, indem er proklamierte: “Iran und Syrien riskieren eine Konfrontation, wenn sie nicht ihr Verhalten im Nahen Osten reformieren“.

Das Wettrennen um die bedingungsloseste Unterstützung Israels hat leider auch einen neuen Kandidaten. Ich schrieb bereits über den Israel-Firster Senator Joe Lieberman, und dass sein Gegenkandidat bei den Wahlen zum demokratischen Präsidentschaftskandidaten eine Alternative für Liebermans Israelhörigkeit darstellen würde. Obwohl der Gegenkandidat Ned Lamont mit dieser Ausrichtung gut anzukommen schien, neueste Umfragen zeigten ihn vor Lieberman, ist er jetzt umgeschwenkt aus Angst
davor, als nicht pro-israelisch genug dazustehen. Jetzt propagiert er mehr oder weniger das Gleiche wie Lieberman: “Es war von Anfang an klar, dass ich ein Unterstützer Israels bin. Amerika sollte Israel nicht vorhalten, wie es sich zu verteidigen hat. Die Reden von der “unangemessenen Gewaltanwendung” sind überheblich.

An den anderen Fronten sieht die Lage nicht besser aus. Im Windschatten der Offensive im Libanon setzt Israel seine Offensive gegen die Palästinenser ungehindert fort.

In Somalia gerät die Lage außer Kontrolle. Am Freitag wurde ein Minister erschossen, nachdem er in einer Moschee gebetet hatte. Wer will da unten die moslemische Bevölkerung aufstacheln ? Gleichzeitig legten viele Regierungsmitglieder und -mitarbeiter ihr Amt nieder, und das Parlament berät über ein Misstrauensvotum gegen den Staatschef.

Die Türkei hat erstmals 200 Soldaten über die irakische Grenze geschickt, anscheinend um zu testen inwieweit Amerika in der Lage ist, die Türken an weiteren Grenzverletzungen zu hindern.

Verzweifelt versuchen neokonservative Kräfte in Amerika auch weiterhin, den Konflikt auszudehnen und letztendlich die USA in einen Krieg mit dem Iran zu ziehen. Die Washington Times zitiert amerikanische Geheimdienstler, die wissen wollen dass der Anführer der Hisbollah sich in der iranischen Botschaft in Beirut aufhalten könnte. Das von den gleichen Geheimdienstlern, die uns schon irakische Massenvernichtungswaffen verkaufen wollten.
Der amerikanische Polittalker Sean Hannity warnte in seiner Sendung vor möglichen nuklearen Anschlägen der auf amerikanisches Territorium oder israelische Städte. Jeder Amerikaner solle einen Geigerzähler daheim haben. Ständige Angsteinflößung für die weitere Unterstützung des “harten” Kurses der Bushregierung.

Ständig werden der Iran und Syrien als die Länder dargestellt, die praktisch alleine für den ganzen Schlamassel im Nahen Osten verantwortlich gemacht werden. Außenministerin Rice warnte beide Länder, “die Bemühungen um einen Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon zu unterminieren“. Diese Unterstellung ist so lächerlich dass es fast schon weh tut. Die einzigen Länder, die neben Israel von Anfang an einen Waffenstillstand ablehnten, waren Amerika und Großbritannien. Darüberhinaus ist es völlig falsch, dass beispielsweise sich Syrien irgendwie isolieren würde und ungewillt wäre, in der Sache an diplomatischen Verhandlungen teilzunehmen. Tatsache ist, dass der syrische Botschafter in Washington schon seit mehr als eineinhalb Jahren nicht einen einzigen Anruf aus der Bushregierung bekommen hat. Wie soll er da an irgendwelchen diplomatischen Verhandlungen teilnehmen ? Wie kann Rice überhaupt andeuten, sie würde irgendetwas für den Frieden tun, wenn Amerika gleichzeitig Bomben im Schnellverfahren nach Israel schickt ?

Ein gutes jedenfalls hat die aktuelle Krise. Es zeigt sich, und jeder von uns sollte die entsprechenden Kommentare aufmerksam lesen, wo jeder seine Loyalitäten hat. Ob er rechtfertigt, was nicht gerechtfertigt werden kann - die israelische Zivilistenjagd -, oder ob er Unrecht nennt was Unrecht ist. Und Konsequenzen fordert.

Denn ich weiß nicht was mich ärgerlicher macht, Israels verbrechen oder die Untätigkeit und Rechtfertigungsversuche meiner Regierung.

DaRockwilda
Dieser Eintrag wurde am Montag, den 31. Juli 2006 von DaRockwilda geschrieben und in die Kategorie Krieg, Militär, Terrorismus eingeordnet. Du kannst alle Kommentare zu diesem Artikel mit dem RSS 2.0 Feed beobachten. Du kannst eine Antwort hinterlassen, oder durch einen Trackback auf diesen Artikel verlinken.
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