Was ist Freiheit?

Der Hügel der Freiheit überblickt das Feld der politischen Diskussion wie kein zweiter. Der Imperativ ist eine bequeme Position auf ihm; doch dazu muss man ihn erstmal finden. Das soll dieser Artikel leisten.
Der fundamentale Akt der Freiheit ist der des Verzichtes auf Unterjochung eines Unterjochbaren, der Akt des ›Seinlassens‹.
Robert Spaemann
Freiheit ist nur möglich, wo Alternativen, Wahlmöglichkeiten praktisch bestehen. Wenn ein Junge Hilfsarbeiter werden muss, weil die Eltern den Lohn des Fünfzehnjährigen nicht entbehren können, so hilft ihm die verbürgte Freiheit der Berufswahl wenig.
Erhard Eppler
Die beste Klammer einer menschenwürdigen Politik in unserer Zeit steht seit Jahrhunderten fest: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und aufgeklärte Bildung. Die Freiheit ist in dieser Quartade der schlagkräftige Begriff, denn sie kennt kein abwertendes Gegenteil. Brüderlichkeit wird in Kollektivismus verkehrt, Gleichheit in Gleichmacherei, Bildung in Elfenbeinturmsallüren. Nur die Freiheit kann zwar pervertiert, aber nicht niedergeschrien werden: Ja, jeder liebt die Freiheit. Sie ist eine der ganz wenigen politischen Begriffe mit dieser Eigenschaft, und dazu steht sie zentral in der politischen Landschaft: Wer den Begriff der Freiheit sein nennt, kontrolliert den politischen Diskurs.
Wie kommt es dann, dass eine neurechte Spaßpartei sich nicht nur anschickte, diesen Begriff für sich zu besetzen, sondern es gar geschafft hat, und ihn ohne nennenswerten Widerstand hält? Was weiß ich. Vielleicht finden wir eine Antwort, wenn wir die Natur der Freiheit untersuchen.
Was ist also Freiheit? Natürlich kann man Freiheit negativ als Fehlen von Autorität definieren, doch solch ein wichtiges Konzept muss positiv charakterisierbar sein, sonst geht es in den Wirren des politischen Alltags verloren. Freiheit ist sogar viel einfacher positiv zu definieren: Freiheit ist die Macht, das eigene Leben im sozialen Raum zu gestalten.
Vor allem im Berlinschen Sinne muss Freiheit positiv sein! Eine Freiheit, zu deren Nutzung die Ressourcen oder die Zeit fehlen, ist keine Freiheit. Freiheit von staatlicher Unterdrückung ist nur der erste Schritt, die Grundierung, die notwendige Bedingung. Das ist die Erkenntnis, die den Rechten verwehrt blieb: Der erste Mensch in der weiten Prärie war nicht frei, denn er war gebunden in der Notwendigkeit, den gesamten Tag um sein Leben zu kämpfen. Er hätte das sicherlich bestätigt: Erst in der Bequemlichkeit der Salons konnte der prokapitalistische Liberalismus entstehen.
Die Macht der Natur ist heute größtenteils gebändigt, doch ihr Bändiger ist mächtiger als jeder Löwe: Es ist der wirtschaftliche „Sachzwang”, also die Notwendigkeit, die Produktionsmittel durch maximal profitable Ausnutzung derselben zu erlangen, und der wird garantiert durch das vielschichtige System aus Banken, Fonds und Aktienmärkten, die den Einfluss einzelner Akteure minimieren. Dort liegt keine Wahl mehr! Und die Wahl, einfach keine Produktionsmittel zu verwenden, also de facto nicht zu arbeiten, steht auch nicht zur Verfügung, denn nur in der produktiven Arbeit† kann ein Mensch freies Mitglied einer Sozialgemeinschaft sein.
Macht über das Land des Bauern, die Maschine des Arbeiters und die Quellen des Wissenschaftlers ist also Macht über die sie produktiv nutzenden Menschen. Heißt das, dass wir all diese Dinge wieder in die sorgenden Hände eines ZKs legen sollten? Oh, wie wenig hätten wir gewonnen. Gates, Springer und Ackermann durch Krenz, Ulbricht und Honecker auszutauschen, war eine Personalie und warf die DDR auch noch demokratisch zurück, ganz zu schweigen von der konkreten Idiotie, die in einer solchen Diktatur ablief. Nein, die reale Macht muss in die Hände vieler gelegt werden, um die Macht jedes Einzelnen zu begrenzen, die Macht muss durch soziale Bindungen an Verantwortung gekettet werden und jeder Einzelne muss als Persönlichkeit gebildet genug sein, um nicht an seiner Macht zu zerbrechen.
Das sind die Garanten und die besten Freunde der Freiheit: Gleichheit, Brüderlichkeit und Bildung. Sucht sie und behütet dabei vorsichtig den Keim der Freiheit, dann werdet ihr den ganzen Baum finden. Und sehen, dass die Gelben auf dem falschen Hügel hocken.
† Das ist nicht unbedingt Lohnarbeit. Beide können zusammenfallen; doch z.B. ist die Killerin zwar bezahlt, aber nicht produktiv, und der Kinder erziehende Hausmann ist produktiv, aber nicht bezahlt.
Wenn euch dieser Artikel gefällt oder ihr mehr über mich oder Irland lesen wollt, findet ihr das alles hier.
Kommentar von DaRockwilda am 20. Juni um 23:00 Uhr
“Das sind die Garanten und die besten Freunde der Freiheit: Gleichheit, Brüderlichkeit und Bildung”
Und da haben wir noch Aufholbedarf in der BRD. Gleichheit, anscbeinend müssen Sozialhilfeempfänger bald eine eidesstattliche Erklärung über ihre Vermögensverhältnisse abgeben… und gleichzeitig weigern sich die Abgeordnete, ihre Nebeneinkünfte offenzulegen.
Brüderlichkeit, daraus wird ja auch nichts. Die Ossis sind Schmarotzer, die im Westen egoistisch, die Ausländer asozial, die Nazis eben Nazis, die Männer Machos, die Frauen Bitches…
Und zur Bildung reichen die Studiengebühren.
Wir Deutschen müssen uns anstrengen, wenn wir frei sein wollen ! Es gibt viel zu tun !
Kommentar von Steve am 20. Juni um 23:56 Uhr
Hi,
erstmal vielen Dank für die Schützenhilfe :- ).
Und da haben wir noch Aufholbedarf in der BRD. [...] Wir Deutschen müssen uns anstrengen, wenn wir frei sein wollen ! Es gibt viel zu tun !
Ebend. Unglücklicherweise sehen viele das mit der Verbindung zwischen Freiheit und Gleichheit noch anders, sogar genau anders herum, und die haben Deutungshoheit. So lange man diese nicht zurück hat, wird das nichts mit dem Tun.
Schönen Gruß, Steve
Kommentar von Necrodamos am 21. Juni um 12:36 Uhr
Echte Freiheit kann man nicht durch politik erhalten - Weil Politik Abhängigkeit bedeutet: abhängig vom Staat, von Beschlüssen und Gesetzen und abhängig vom System.
Mir hat der Artikel ganz gut gefallen und ich möchte noch etwas zum Sozial-Schichten Problem, speziel in Deutschland, sagen:
Wenn man den Statistikern Glauben schenken kann, dann studieren aus sozialschwachen Schichten (kenne nur Statistiken VOR den Studiengebühren) nur 17% (glaube mich zu erinnern, kann auch ein wenig mehr oder weniger sein), von den sozialstarken Schichten studieren weit mehr als 75%. Daraus folgt, dass nur sehr wenige aus einer sozialschwachen Herkunft es schaffen, eine sozialstarke Basis aufzubauen. Auf gut Deutsch:
Arme werden ärmer und Reiche werden reicher.
Man kann sich ausmalen, wie die Statistiken durch die Studiengebühren ausfallen werden.
Kommentar von DaRockwilda am 21. Juni um 13:06 Uhr
“Man kann sich ausmalen, wie die Statistiken durch die Studiengebühren ausfallen werden”
Oh ja. Aber wir Studenten sind auch selber schuld ! Der Großteil meiner Kommilitonen der im Anzug in die Uni geht würde nie auf die Idee kommen mal das Sekretariat zu besetzen oder Ähnliches.
“Echte Freiheit kann man nicht durch politik erhalten - Weil Politik Abhängigkeit bedeutet”
Von einem guten Staat bin ich aber gerne abhängig. (Den haben wir momentan noch nicht wirklich, um das zu betonen)
Wenn man sagt “wahre Freiheit gibts nur mit Anarchie, dann ist das auch schon eine Einschränkung. Denn ohne eine staatliche Gewalt bist du doch auch nur vom Wohlwonnen der anderen Leute abhängig oder nicht ?
Kommentar von Steve am 21. Juni um 13:58 Uhr
Hi,
Oh ja. Aber wir Studenten sind auch selber schuld ! Der Großteil meiner Kommilitonen der im Anzug in die Uni geht würde nie auf die Idee kommen mal das Sekretariat zu besetzen oder Ähnliches.
Gerade solche Aktionen sind doch Teil des Problems. Eine politische Aktion muss sich daran messen lassen, wie sie die Meinung derer, die nicht zu deiner Gruppe gehören, beeinflusst und wie sie sich auf die Moral derer, die schon dazu gehören, auswirkt.
Besetze ich das Sekretariat, kümmert das Außenstehende einen _Scheiß_. Ich weiß auch nicht, wie das in deiner Uni aussieht, aber bei uns ist das Studierendensekretariat auch sehr vernünftig und auf Seiten der Studierenden; inneruniversitär besetzen wir Bielefelder lieber das Rektorat.
Direkte Wirkung: Nada. In Zahlen: 0. Den Rektor ziehst du nicht auf deine Seite, und Studiengebühren werden nicht inneruniversitär gelöst. Besetzt werden muss die FDP, besetzt werden muss die Autobahn, besetzt werden muss das NRW-Bank-Schiff direkt vor der Düsseldorfer Promenade, halt Orte, wo es die Allgemeinheit auch wirklich kümmert. Studiengebühren sind Teil eines größeren Problems: Das heißt zum Einen, dass die Studierenden gesamtgesellschaftlich protestieren müssen, zum Anderen (entschuldigt die Wiederholung), dass sie sich mit den anderen Kräften vereinigen müssen. Wenn ich in DE wäre, würde ich an eurer Stelle zusammen mit dem DGB und der Linkspartei demonstrieren, da kriegt man Hunderttausende auf die Straße. Selbst in Deutschland.
Und benutzt mehr Kettenmetaphorik.
Schönen Gruß, Steve
Kommentar von DaRockwilda am 21. Juni um 14:14 Uhr
“inneruniversitär besetzen wir Bielefelder lieber das Rektorat”
Ja richtig das Rektorat.
“Besetze ich das Sekretariat, kümmert das Außenstehende einen _Scheiß_.”
Ganz so ist es nicht. Das ÜBERHAUPT NICHTS besetzt wird, wird so schon wahrgenommen. Ich habe schon mit so manchem für mich erstmal spießigem Erwachsenen geredet, der dann auf einmal meint dass die heutige Studentengeneration sicht ruhig mal mehr auflehnen könnte und sich nicht alles gefallen lassen sollte.
“und Studiengebühren werden nicht inneruniversitär gelöst”
Zum Teil schon, denn die Unis haben ja einen Spielraum.
Aber das war auch nur ein ad-hoc Beispiel. Ich wollte nur klarmachen, dass viele Studenten zu nichts politischen zu gebrauchen sind selbst wenn sie Politik studieren (paradoxerweise). Schon gar nicht zu gesamtgesellschaftlichen Protesten, und die sind natürlich wie du sagst weitaus sinnvoller.
Kommentar von Steve am 21. Juni um 20:42 Uhr
Hi,
Ich wollte nur klarmachen, dass viele Studenten zu nichts politischen zu gebrauchen sind selbst wenn sie Politik studieren (paradoxerweise). Schon gar nicht zu gesamtgesellschaftlichen Protesten, und die sind natürlich wie du sagst weitaus sinnvoller.
Ja, das ist richtig, weder Radikalisierung noch Mobilisierung sind sehr weit. Ich sehe da drei Institutionen, die das ändern können: (Warnung: NRW-Begriffe) AStA, Verbindungen und Fachschaften. Der AStA ist zumindest bei uns ideologisch verbrannt, weil er zu viel mit seltsamen Personen (SchwulenLesbenTransgender) spielte. Mit Verbindungen erreicht man in der Richtung Studiengebühren nix, die sind ja rechter als die CSU. Bleiben die Fachschaften. Ich finde, von da müssen Impulse kommen, und ich werde meine Fachschaft in diese Richtung bewegen.
Man darf natürlich nicht glauben, dass auch die Schlipse dann mitmachen, aber ich halte ein Mobilisierungspotential von 50% (absolut: eine Million Menschen) im Umkreis der Unis durchaus für möglich (Schüler der Oberstufe müssen mitmobilisiert werden, wenn man trotz Karteileichen diese Zahl erreichen will).
Das geht aber nicht von heute auf morgen, dafür braucht man Medien, auch und gerade in Print, dafür muss man auf Erstsemesterveranstaltungen aktiv indoktrinieren, dafür muss man Strukturen bauen, die stabiler als Indymedia sind. Aber dann ist sowas nicht illusorisch: Zur Bielefelder Senatssitzung über Studiengebühren haben unsere Jungs 3.000 von 17.000 Studierenden mobilisiert.
Wo studierst du eigentlich? Was gibts da für Pläne?
Schönen Gruß, Steve
Kommentar von DaRockwilda am 21. Juni um 21:27 Uhr
Ich studiere in München an der Hochschule für Politik. Die ist leider sehr klein, nur 1000 Studenten, und irgendwie gibts da keine Fachschaft. Es gibt nur den RCDS, und der hat das Monopol bei Indoktrinierungsveranstaltungen und den Wahlen zum Senatsvertreter. Diese Wahlen werden wir aber diesen Sommer im Juli wenns klappt stürmen und dem RCDS das Monopol entziehen. Die einzige andere Hochschulegruppe sind ein paar Junge Grüne, die praktisch nie in Erscheinung treten. Mit denen werden wir uns aber verbünden.
Problematisch ist noch, dass auch wir “Linken” (ich hasse Schubladen) uns in vielen Dingen nicht einig sind. So will der eine zum Beispiel nicht mitmachen, wenn im Programm was mit Marx vorkommt (ich im Übrigen auch nicht).
Kommentar von Steve am 22. Juni um 18:54 Uhr
Hi,
> und irgendwie gibts da keine Fachschaft.
Na ja, ist Bayern, da ist eh alles etwas seltsam. Mein Beileid.
> Problematisch ist noch, dass auch wir “Linken”
> uns in vielen Dingen nicht einig sind.
Ja und nein: Ich sehe die Uneinigkeit als Vorteil, weil Verschiedenheit der Argumente und interne, offene Diskussion das Ergebnis besser machen.
> (ich im Übrigen auch nicht).
SPALTER! ;- )
Schönen Gruß, Steve
Kommentar von DaRockwilda am 22. Juni um 22:09 Uhr
“Na ja, ist Bayern, da ist eh alles etwas seltsam. Mein Beileid”
Ja irgendwie dachte ich heute rausgehört zu haben, dass in Bayern und BW die Fachschaften irgendwie sogar abgeschafft oder zumindest nicht mehr garantiert.
“Ja und nein: Ich sehe die Uneinigkeit als Vorteil, weil Verschiedenheit der Argumente und interne, offene Diskussion das Ergebnis besser machen”
Klar grundsätzlich ist Pluralismus immer besser, ich halte es da so: “Wir Linke” sollten uns erstmal mit den 50%-70% zufrieden geben, bei dem wir uns einig sind. Daraus ein handfestes und überzeugendes Programm machen. Die restlichen strittigen %, da ist es ja spannend darüber zu diskutieren intern. Das Problem ist eben, dass manche sich gleich abgrenzen wenn sie nur 1% von ihrem Standpunkt nicht vertreten sehen im Programm.
Die vom RCDS machen es da geschickter, die haben manchmal noch nicht mal ne Meinung, sind sich aber beim RCDS wählen alle einig.