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Warum Blogs wichtig sind

Im Folgenden eine Übersetzung von Auszügen eines Artikels aus dem Economist, der wie ich finde die derzeitige Medienlandschaft sehr gut darstellt:


Wer hat die Zeitung getötet ?

Im Idealfall ziehen Zeitungen die Regierungen und Firmen zur Rechenschaft. Normalerweise bestimmen sie die nachrichtliche Tagesordnung der anderen Medien. Aber in den Industrienationen sind Zeitungen jetzt eine gefährdete Spezies. Das Geschäftsprinzip vom Verkauf von Wörtern an die Leser und vom Verkauf von Lesern an die Werbepartner, das die Rolle der Zeitungen in der Gesellschaft festigte, fällt zusammen.

Von allen “alten” Medien haben vor Allem die Zeitungen viel durch das Internet zu verlieren. Die Auflagenhöhe sinkt in Amerika, Westeuropa, Lateinamerika, Australien und Neuseeland schon seit Jahrzehnten (…). Aber in den letzten Jahren hat das Internet diesen Rückgang noch beschleunigt. In seinem Buch “Die verschwindende Zeitung” rechnet Philip Meyer aus, dass das erste Quartal des Jahres 2043 der Moment sein wird, an dem die Zeitungen in Amerika aussterben und der letzte erschöpfte Leser die letzte zerknitterte Ausgabe wegwirft. So eine Hochrechnung wäre noch von einem Beaverbrook oder Hearst gerade mal mit einem Räuspern bedacht worden, aber nicht einmal der zynischste Nachrichtenbaron könnte die Tatsache leugnen, dass immer mehr junge Menschen ihre Nachrichten im Internet lesen. Briten im Alter von 14 bis 24 Jahren verbringen 30% weniger Zeit mit einer Zeitung, sobald sie angefangen haben das Internet zu nutzen.

Wie wäre es mit einem Podcast, Lord Copper ?

Rupert Murdoch, der Beaverbrook unserer Zeit, beschrieb die Zeitungsinserate einmal als den Fluss aus Gold der Branche - aber letztes Jahr sagte er “manchmal trocknen Flüsse aus”. In der Schweiz und den Niederlanden haben Zeitungen die Hälfte ihrer Kleinanzeigen an das Internet verloren.

Noch haben nicht besonders viele Zeitungen geschlossen, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Über die nächsten Jahrzehnte könnten über die Hälfte der Zeitungsverlage in den Industrieländern schließen. Schon werden Arbeitsplätze gestrichen. Laut der Newspaper Association of America fiel die Zahl der in der Branche Beschäftigten zwischen 1990 und 2004 um 18%. Die fallenden Aktienkurse von Zeitungsverlagen haben den Unmut von Anlegern auf sich gezogen. 2005 brachte eine Gruppe von Aktieninhabern Knight Ridder, die Inhaberfirma von mehreren großen amerikanischen Tageszeitungenaper, dazu, ihre Zeitungen zu verkaufen und damit eine 114 Jahre alte Tradition aufzugeben. Dieses Jahr griff die Investmentbank Morgan Stanley die New York Times Company an - die erhabenste journalistische Institution von allen - , weil ihr Aktienkurs innerhalb von vier Jahren um fast die Hälfte gefallen war.

Nachdem sie die Realität jahrelang ignoriert haben, handeln die Zeitungen jetzt endlich. Um Kosten zu sparen geben sie bereits weniger für Journalismus aus. Viele versuchen auch jüngere Leser zu locken, indem sie ihre Inhalte mehr in Richtung Unterhaltung, Lifestyle und andere Themen lenken, die wichtiger für den Alltag der Leser erscheinen als internationale Geschehnisse und Politik. Die Zeitungen versuchen, neue Geschäftsfelder on- und offline zu erschließen. Und sie investieren in kostenlose Tageszeitungen, die die knappen journalistischen Ressourcen nicht darauf verwenden, politische Korruption und Wirtschaftsbetrügereien aufzudecken. Bis jetzt scheint diese Art von anderen Aktivitäten nicht viele von ihnen zu retten. Und selbst wenn, dann sind sie trotzdem schlecht für die öffentliche Aufgabe der “Vierten Gewalt im Staat“.

Werden in Zukunft Politiker ungestraft in die Büros ihrer Gegner einbrechen und Wirtschaftsgauner ungestraft ihre Opfer ausnehmen können, nun da die Zeitungen sich verändern und verschwinden ? Journalismusschulen und Denkfabriken sind vor Allem in Amerika besorgt über die Auswirkungen einer schwächelnden Presse. Sind heutige Nachrichtenagenturen “der Aufgabe gewachsen, weiterhin für ein informiertes Bürgertum zu sorgen, von dem die Demokratie abhängig ist ?” fragte kürzlich ein Bericht der Carnegie Corporation aus New York, einer wohltätigen Forschungsstiftung.

Niemand sollte sich über das Ableben einstiger Spitzenmedien freuen. Aber der Niedergang der Zeitungen wird nicht so gesellschaftsschädigend sein wie manche befürchten. Die Demokratie hat bereits seit 1950 den großen durch das Fernsehen bedingten Rückgang an Zeitungsauflage überlebt. Sie hat es überlebt, dass Leser von den Zeitungen und Zeitungen von dem abrückten, was in besseren Zeiten als seriöse Nachrichten betrachtet wurde. Und sie wird bestimmt den Niedergang überleben, der uns jetzt blüht.

Die Nützlichkeit der Presse reicht viel weiter als die Nachforschungen über Korruption und Missbrauch oder selbst die Weiterverbreitung von Nachrichten; (Die Nützlichkeit) besteht darin, Regierungen zur Rechenschaft zu ziehen - sie vor dem Gericht der Öffentlichkeit anzuklagen. Das Internet hat dieses Gericht der Öffentlichkeit erweitert. Wer nach Informationen sucht war noch nie besser ausgestattetn. Menschen sind nicht mehr gezwungen, einer Hand voll nationaler Zeitungen oder, noch schlimmer, ihrer Lokalzeitung zu vertrauen. Seiten, die Nachrichten zusammentragen wie Google News bündeln (Nachrichten)quellen aus der ganzen Welt. Die Internetseite der britischen Zeitung Guardian hat jetzt schon fast so viele Leser aus den USA wie aus Großbritannien.

Zusätzlich brennt eine neue Bewegung von “Bürgerjournalisten” und Blogger darauf, Politiker zur Rechenschaft zu ziehen. Das Internet hat jedem mit einer Tastatur und einer Internetverbindung die geschlossene Welt der professionellen Redakteure und Reporter zugänglich gemacht. Mehrere Firmen wurden durch Amateurnachrichten von flammenspuckenden Dell-Laptops und auf dem Sofa schlafenden Handwerkern beeinträchtigt. Jeder Blogger (wie auch jeder Journalist) ist potentiell voreingenommen oder verleumdet andere, aber als Gruppe betrachtet bieten Blogger dem nach der Wahrheit Suchenden unermesslich viel Material. Natürlich ist das Internet für verbohrte Köpfe attraktiv, aber das war auch ein Großteil der Presse.

Noch steckt alles in den Anfängen. Neue Geschäftsmodelle im Internet werden aufkommen während gedruckte Zeitungen sich zurückziehen. Die gemeinnützige Gruppe “NewAssignment.Net” plant zum Beispiel, die Arbeit von Amateuren und Professionellen Journalisten zu kombinieren, um im Internet investigative Artikel zu publizieren. Treffenderweise kommen 10.000$ an Mitteln für das Projekt von Craig Newmark von Craigslist, einer Gruppe von kostenlosen Internetseiten mit Inseraten, die vermutlich mehr dafür getan hat, die Einnahmen von Zeitungen zu zerstören, als sonst jemand.

Die Carnegiestiftung denkt, dass in Zukunft auch hochqualitativer Journalismus von gemeinnützigen Organisationen unterstützt wird. Bereits jetzt entwickeln sich einige respektierte Medienformate dorthin - darunter der Guardian, der Christian Science Monitor und National Public Radio. Eine Gruppe von seriösen Elitezeitungen die man überall im Internet lesen kann, unabhängiger Journalismus unterstützt durch Stiftungen, tausende von motivierten Bloggern und gut informierten “Bürgerjournalisten”: Zusammen dürften sie die Aufgabe der Vierten Gewalt im Staat gut erfüllen.



Die Presse kontrolliert die Politik. Wir Blogger kontrollieren die Presse !

DaRockwilda
Dieser Eintrag wurde am Montag, den 28. August 2006 von DaRockwilda geschrieben und in die Kategorie Medien eingeordnet. Du kannst alle Kommentare zu diesem Artikel mit dem RSS 2.0 Feed beobachten. Du kannst eine Antwort hinterlassen, oder durch einen Trackback auf diesen Artikel verlinken.
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Kommentar von Explosiv-Blog » Blog Archive » Warum Blogs wichtig sind am 29. August um 08:57 Uhr

[...] Im Idealfall ziehen Zeitungen die Regierungen und Firmen zur Rechenschaft. Normalerweise bestimmen sie die nachrichtliche Tagesordnung der anderen Medien. Aber in den Industrienationen sind Zeitungen jetzt eine gefährdete Spezies. Das Geschäftsprinzip vom Verkauf von Wörtern an die Leser und vom Verkauf von Lesern an die Werbepartner, das die Rolle der Zeitungen in der Gesellschaft festigte, fällt zusammen. mehr… [...]

Kommentar von wischmopp am 31. August um 02:55 Uhr

Und woher beziehen die Blogger ihre Informationen?

Kommentar von DaRockwilda am 31. August um 03:08 Uhr

@wischmopp:

Du spielst darauf an, dass Blogs ihre Informationen “auch nur” von Zeitungen etc. haben. Für die Aufgabe “Wir kontrollieren die Zeitungen” tut das aber nichts zur Sache. Die Zeitungen kontrollieren die Politik, aber haben ihre Informationen ja logischerweise auch nur von Politikern etc. Für die alleinige Kontrolle ist es nicht notwendig, eigene Quellen aufzubauen. Es reicht schon, Meldungen von verschiedenen Zeitungen miteinander zu vergleichen, und schon stößt man auf allerlei Lügen und Fehlinformationen. Wenn man das ganze über Landesgrenzen hinweg betreibt, dann wird das noch offensichtlicher und einfacher. Einfachstes Beispiel, im Tagblatt schrieb ein Redaktuer etwas von “Noch nie waren sich die Israelis so einig wie in diesem Krieg”. Dabei ist Israel seit dem Krieg zersplittert wie sonstwas. Allein durch die Aufdeckung dieser Fehlinformation durch das Tagblatt hat man die Presse kontrolliert, keine eigenen Quellen nötig.

Darüber hinaus kann man zig Artikel schreiben, ohne sich auch nur einer einzigen anderen Nachrichtenpublikation zu bedienen. Dazu bedient man sich an den Quellen, die auch online verfügbar sind. Beispiel Project For The New American Century, Operation Northwoods oder Aspartam. Wiederum keine anderen Zeitungen etc. nötig, aber trotzdem Mehrwert für den Leser geschaffen.

Zu guter Letzt sei auch nochmal auf die letzten Zeilen des von mir übersetzten Artikels hingewiesen. Wo Geld ist, kann man sich auch Journalisten und Korrespondenten leisten. Und die Journalistenbranche entwickelt sich in Richtung Internet, und schon können einige erfolgreiche Blogs sich Reporter leisten. Die Werbegelder bewegen sich in Richtung Internet, sagt ja sogar Murdoch.

Kommentar von Steve am 31. August um 16:41 Uhr

Ein redaktionelles Hi,

“Vierten Kolonne“

“Fourth Estate” heißt woertlich “Vierter Stand”, “Viertes Vermoegen” oder so aehnlich. Der politische Terminus, an den du denkst, ist die fuenfte Kolonne des spanischen Buergerkriegs, und das sind subversive Elemente in Diensten eines Eroberers. Man kann der Presse ja vieles vorwerfen, aber noch gibt es keinen ernsthaften Eroberungsversuch auf Amerika oder Deutschland ;-).

Schoenen Gruss, Steve

Kommentar von DaRockwilda am 31. August um 17:44 Uhr

Hi Steve, den Ausdruck “Kolonne” hatte ich in der Tat so in Erinnerung als Bezeichnung der Presse. Nach nochmaligem Suchen habe ich nun aber gesehen, dass dieser Ausdruck abwertend gemeint ist, zB hier:

“In einer politisch aufgeheizten Stimmung, in der die vierte Gewalt eher als fünfte Kolonne beschimpft wird”
http://www.tagesschau.de/aktue.....F1,00.html

Ich werde es in “Vierte Gewalt” umändern, danke für den Einwand.

Kommentar von Blogs: Förderer der Meinungsvielfalt oder ideologisch abgekapselte Stammtischhetze? « The Web Society am 28. Mai um 22:14 Uhr

[...] vorgeprägte Meinungen statt pluralistischen Diskurs befördern kann. Das Medium hat neben den nicht abzustreitenden Vorzügen auch seine [...]

Kommentar von Blogs: Förderer der Meinungsvielfalt oder ideologisch abgekapselte Stammtischhetzer? « The Web Society am 29. Mai um 20:27 Uhr

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